Gestatten Sie mir diese einfache Form der Ansprache. Sie haben eine grafisch schön gestaltete Einladung und Broschüre zu dieser Gedenkfeier erhalten. Links die Urkunde meines Urahnen Martin Sarközi, ausgestellt vom Grafen Christof Batthyány am 15. Februar 1674 in Rhohonc, dem heutigen Rechnitz, dargestellt. Diese Urkunde erlaubte meinen Urahnen und seiner Familie auf dem damaligen Gebiet des Grafen Batthány frei und ohne Einschränkung seinem Gewerbe nachzugehen. Niemand durfte sie bei der Ausübung behindern.
In der Mitte ein Brief der Gestapo vom 16.10.1939, von SS Hauptsturmführer Eichmann an SS-Oberführer Nebe, betreffend des Abtransportes von „Berliner Zigeunern“. Wo der Transport endete erkennen Sie am Wachturm, am Stacheldrahtzaun, der mit Starkstrom geladen war und an den Scheinwerfern im KZ. Rechts das Bundesgesetzblatt der Republik Österreich, ausgegeben am 23. Dezember 1993, mit der gesetzlich rechtlichen Anerkennung als 6. Österreichische Volksgruppe.
Das sind 330 Jahre meiner Familie auf dem heutigen Boden Österreichs.
Ich danke im Namen meiner Volksgruppe Herrn Nationalratspräsident Univ.-Prof. Dr. Andreas Khol und dem Parlamentspräsidium für die heutige Gedenkveranstaltung.
Es gibt mir die Gelegenheit allen Personen die am Zustandekommen der Anerkennung als Österreichische Volksgruppe beteiligt waren, meinen ganz besonderen Dank aussprechen.
Historisch gesehen haben wir 1989 den ersten Roma-Verein in Oberwart gegründet. Im selben Jahr wurden die Stacheldrahtzäune, die Mauern, der kommunistisch dominierenden Länder weggerissen. Europa veränderte sich.
Seit einigen Tagen sind diese Länder Mitglieder des vereinten Europa. Wir Roma sind dadurch zur größten Volksgruppe in Europa geworden. So erfreulich das auch ist, ist der sozial schlechte und menschenunwürdige Zustand dieser Volksgruppe in diesen Ländern nicht zu übersehen. Slums ähnliche Siedlungen zeigen in welcher Notlage diese Menschen leben müssen. Europa ist gefordert, im Besonderen die Nationalstaaten in denen die Roma leben, dessen Staatsangehörige sie sind, um bessere Lebensbedingungen zu schaffen.
Die Hilferufe in den vergangenen Wochen über die ungerechte Behandlung und Benachteiligung wurden nicht gehört. Wo bleibt der Aufschrei von Regierungen oder Menschenrechtsorganisationen gegen diese Ungerechtigkeit.
Wie die Lebensqualität verbessert werden kann, ist am Beispiel Österreich zu sehen. Das konnte ich mit unserer Ausstellung im EU-Parlament in Brüssel, Ende Jänner dieses Jahres, unter großer Beachtung zeigen. Ein Kommissar oder eine Kommissarin für Minderheiten könnte künftig eine Verbesserung der Lebensqualität der Roma erbringen. Die Ausstellung, die wir in Brüssel gezeigt haben, können Sie heute in der Säulenhalle besichtigen.
Sehr verehrte Damen und Herren!
Zur Geschichte der österreichischen Roma zählt die leidvolle Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Von 11.000 österreichischen Roma und Sinti überlebten ca. 2000. Anhand meiner Familie möchte ich ein Beispiel bringen. Sie umfasste 128 Personen, davon haben 8 Personen den Holocaust überlebt. 500.000 Menschen meiner Volksgruppe wurden Opfer des Nationalsozialismus. Aufgrund ihrer Abstammung wurden sie vom Sä,ugling bis zum Greis systematisch und fabriksmäß ermordet.
Gedenken und Mahnen, zählt zu meinen, zu unseren Prioritäten. Dazu gehören Mauthausen, wo wir seit 1998 ein eigenes Mahnmal haben, die jährliche Gedenkveranstaltung in Auschwitz, wo seit 2001 eine ständige Ausstellung im Stammlager, Block 13, wo die Vernichtung der Roma und Sinti in einer Dauerausstellung dokumentiert ist. Das offizielle Österreich, vertreten durch Innenminister Dr. Ernst Strasser, hatte an der feierlichen Eröffnung teilgenommen und beim ehemaligen Erschießungsplatz und im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau mit mir gemeinsam einen Kranz niedergelegt.1944 wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 2.897 wehrlose Frauen, Männer und Kinder in den Gaskammern, im Krematorium IV ermordet und in den Verbrennungsgruben verbrannt, da die Krematoriumsöfen damals nicht verwendet wurden. Es sind 60 Jahre, dass die Ermordung an diesen wehrlosen Menschen begangen wurde.Bundesminister Dr. Strasser war auch am 16. November 2002 Hauptredner vor dem Mahnmal in Lackenbach, wo er mir im Anschluss der Gedenkstunde das Dekret zum Berufstitel „Professor“ überreicht hat.Für mich war die Auszeichnung, einige Tage nach meinem Geburtstag, ein Freudentag. Ich bin am 11. November 1944, im so genannten „Zigeuneranhaltelager“ Lackenbach geboren. Aus diesem Anhaltelager, in dem 4.000 österreichische Roma und Sinti Häftlinge waren, wurden über 3000 Personen in die KZ-Lager nach Lodz, Auschwitz, Dachau, Mauthausen, Ravensbrück in den Tod geschickt. Ca. 2000 Personen erlebten die Befreiung durch die alliierten Truppen. Sie sind krank an Leib und Seele, traumatisiert vom Unrecht, das man ihnen antat. Einige von ihnen sind heute hier anwesend. Ihnen gehört mein besonderer Gruß.
1945 wurden in Lackenbach 250-300 Personen von den Alliierten, die bei Klostermarienberg die Österreichische Staatsgrenze überschritten, befreit. Zu diesen Personen gehörte auch ich.
1985 wurde in der Stadt Salzburg – Ignaz Rieder Kai, ein Mahnmal für unsere Opfer errichtet. 17 Jahre wurde diese Gedenkstätte kaum beachtet. Seit 2002 gedenken wir vor dem Mahnmal jährlich unserer ermordeten Roma und Sinti.
Wir Roma- und Sinti-Vertreter mit unseren Vereinen haben seit der Gründung des 1. Roma-Vereines vor 15 Jahren, gemeinsam mit der öffentlichen Hand, enorme Fortschritte gemacht und sehr viel erreicht. Sei es das erste Dokumentationszentrum mit einer ständigen Ausstellung und mobiler Ausstellung mit täglichem Betrieb, die Betreuung der Schüler mit Nachhilfeunterricht, die eigene Sprache und die damit verbundene Kultur zu beleben. Aber auch die Verbindung zu den Roma-Organisationen in unseren Nachbarländern und ihren diplomatischen Vertretungen hier in Wien.
Bedanken möchte ich mich im Namen der Opfer des Nationalsozialismus für die Entschädigungszahlungen aus dem NS-Opferfonds, dem Versöhnungsfonds und ich hoffe auch bald aus dem Allgemeinen Entschädigungsfonds.
Persönlich möchte ich für die hohen Auszeichnungen, die mir verliehen wurden, danken. Für das große Ehrenzeichen des Landes Burgenland, dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien, dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik Österreich und für das Ehrenzeichen des Landes Kärnten.
Ich habe klarerweise anlässlich dieser Gedenkstunde das Positive, das gemeinsam Erreichte, zum Wohle unserer Gesellschaft, in den Vordergrund gestellt. Natürlich gibt es noch einiges wo wir besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung benötigen. Bildung, Ausbildung, Soziales und Wohnen müssen nach wie vor gefördert werden. Hier brauchen wir die Hilfe des Staates, der Länder und Gemeinden. Die gesellschaftliche Anerkennung muss von beiden Seiten vollzogen werden. Von der Mehrheitsbevölkerung und von der Volksgruppe, die gesellschaftliche Anerkennung kann nicht verordnet werden. Die heutige Gedenkstunde trägt wesentlich dazu bei, diese Anerkennung zu erreichen.
Vor 11 Tagen haben wir einen neuen Bundespräsidenten gewählt und wir haben einen scheidenden Bundespräsidenten.
Sehr geehrter Herr BP Dr. Klestil, in Ihrer Amtsperiode haben wir die Anerkennung als Volksgruppe erreicht. Sie standen am offenen Grab unserer ermordeten Männer in Oberwart. Sie haben unser Roma-Doku im 19., Wiener Gemeindebezirk in Juni 1996 eröffnet und Sie haben mir das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich und den Berufstitel „Professor“ verliehen. Wir Roma und Sinti fanden bei Ihnen stets eine offene Tür für ein persönliches Gespräch. Ich danke Ihnen im Namen meiner Volksgruppe und wünsche Ihnen „Put pacht tei sastipe – Viel Glück und Gesundheit“
Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte mit den Worten des Herrn Bundespräsidenten schließen, die er bei der Eröffnung unseres Roma-Zentrums sprach:
Ich zitiere: „Lasst uns in aller Verschiedenheit miteinander leben".